Das Spannende daran, gelegentlich auch für Wirtschaftsmagazine zu arbeiten, ist, dass man Einblicke in immer wieder neue Welten erhält – Firmen, Fabriken und Chefetagen, die man als Normalsterblicher niemals zu Gesicht bekommen würde. Als ich selbst noch fest assistierte, nannte mein damaliger Chef diese Einblicke immer “die ganz eigene Sendung mit der Maus” und ich benutze diesen Ausdruck auch heute noch, weil er einfach auf den Punkt bringt, was das Faszinierende daran ist. Die Shootings selbst hingegen sind oft nicht das Spannendste, da man meist schon im Vorhinein arg eingeschränkt wird. Sei es durch die Redaktion, die den CEO einer Firma unbedingt mit dessen Produkt abgebildet sehen möchte (was manchmal auch Sinn macht, je nach Magazin, für das man arbeitet) bzw. genaue Bildvorstellungen hat oder eben auch oft durch Eitelkeiten der Pressezuständigen in den jeweiligen Firmen. Oft sind dann am Ende die CEOs die Entspanntesten in der ganzen Kette der Verantwortlichen und ein ums andere mal fuhren meine Assistenten und ich verwirrt vom Firmenparkplatz und fragten uns, wieso im Vorhinein ein solcher Wirbel um Bildinhalte und Empfindlichkeiten des Portraitierten gemacht wurde, wo doch gerade dieser am Ende am lockersten war und – salopp gesagt – jeden Scheiss mitmachte, was oft zu den besten Ergebnissen führt.
So auch dieses mal: Marc Faber, laut Wikipedia “Börsenexperte, Fondsmanager und Buchautor”, war aus Hongkong zu Besuch in Deutschland und im Vorhinein war ehrfürchtig von “2 bis 3 Minuten Shooting” die Rede. Die Erfahrung sagt mir auch da: aus 2 bis 3 Minuten wird oft 10 mal auf den Auslöser drücken und das wars. Oder auch das krasse Gegenteil, wie schon an anderer Stelle hier im Blog beschrieben. Also machten meine Assistentin und ich uns lieber mehr als rechtzeitig auf den Weg zum Hotel. Für dieses war uns bereits ein absolutes Fotoverbot angekündigt worden und zugleich sah man sich dort auch völlig außerstande, uns einen Konferenzraum o.ä. für unser Shooting zur Verfügung zu stellen. Weder die Redaktion noch ich wussten genau, wie wir unter all diesen örtlichen und zeitlichen Bedingungen auch nur irgendwo ein ordentliches Foto hinbekommen sollten, als hieß es nur: frühstmöglich und mit genügend verschiedenen Plänen im Kopf zum Hotel und wie immer ein wenig Charme und Einfallsreichstum walten lassen, um doch zu einem ordentlichen Ergebnis zu kommen.
Wir staunten nicht schlecht, als wir uns am Empfang vorstellten: Herr Faber schien die asiatische Gastfreundschaft nach all den Jahren ins Blut übergegangen zu sein – hatte er doch extra für uns den Schlüssel zu seinem Zimmer hinterlegt und uns ausrichten lassen, wir können schon vorher rein, unser Equipment aufbauen etc… Das ging irgendwie zu einfach und auch für mich war es ein absolutes Novum, von jemandem völlig unbehelligt schon lange vorher in seine privaten Räume gelassen zu werden. Im megahippen Berliner Hotelzimmer dann die Ernüchterung: fototaugliche Einrichtung sieht anders aus, zumindest für unseren Zweck. Also Plan B: wir bereiteten eine Einstellung im Zimmer vor, die locker seinen Zweck für das Magazin erfüllen, mich persönlich jedoch nicht hundertprozentig glücklich machen würde. (Diesen Anspruch, bei jedem Shooting etwas für meine Mappe zu schießen, habe ich “leider” immer.) Aber uns blieb noch Zeit, wir hatten eine erste, sichere Bildoption im Zimmer, also suchte ich mir den Schuss, den ich haben wollte. Ich fand ihn am Ende eines langen Flures in Form einer Holztafel und genügend Ruhe vor dem so unbeugsamen Hotelmanagement mit seinem Fotoverbot. Entgegen eben all dieser Verbote im Hotel bauten wir ratzfatz das Licht auf, freundeten und vorsichtshalber mit dem Reinigungspersonal an (damit dieses uns nicht bei den Hotelmanagern verpetzen würde) und warteten auf Marc Faber. Würden wir zu diesem Moment entdeckt und vom Flur geschmissen, hätten wir noch immer Plan B, den sicheren Schuss, im Zimmer. Kurze Zeit später tauchte Herr Faber gut gelaunt auf, zog sich kurz um und machte in dieser kleinen, dunklen Ecke im Flur zehn Minuten lang alles mit, was ich von ihm wollte (und noch viel mehr). Wir schossen sowohl mein Wunschmotiv als auch “Plan B” im Zimmer und wieder einmal bewahrheitete sich die Erfahrung, dass mit genug Vorbereitung, Spontanität, Einfallsreichtum und dem Quäntchen Glück jeder Job zu meistern ist. Als kleines Bonbon auf dieses Hoch wurde ich dann zehn Minuten später doch vom Hotelpersonal noch rausgeschmissen, als ich wagte, während des anschließenden Interview-Termins auf der Hotelterrasse ein paar Fotos zu machen. Das war dann doch zu viel des Guten. Irgendwas ist ja immer… ;)

